ORTE WIEN 1938

BALLHAUSPLATZ
Zum Ballhausplatz gehört der Sitz des Bundespräsidenten (Leopoldinischer Trakt der Hofburg) und das Bundeskanzleramt (die ehemalige Geheime Hofkanzlei). Im Bundeskanzleramt befindet sich ein historisch bedeutsames, öffentlich aber nicht zugängliches Denkmal. Im Ecksalon im ersten Stock erinnert eine Marmorplatte an das Attentat auf den damaligen Bundeskanzler Engelbert Dollfuss im Juli 1934. Dollfuss wurde bei einem Putschversuch von Nationalsozialisten erschossen. Die Gedenkstelle wurde 1950 von Hans Nistelberger gestaltet, bis 1938 hatte eine Madonna mit ewigem Licht an die Ermordung von Dollfuss erinnert. Sein Nachfolger Kurt Schuschnigg hielt am 11. März im Bundeskanzleramt eine Radioansprache, in der er seinen Rücktritt verkündete (die auch im Audio-Guide „März 1938“ zu hören ist). Vom Balkon des Ballhausplatzes aus begrüßte sein nationalsozialistischer Nachfolger Arthur Seyß-Inquart wenige Stunden später den „Anschluss“.

Quelle(n):
Erich Klein: Falter city walks. Denkwürdiges Wien. Gehen & Sehen. 3 Routen zu Mahnmalen, Gedenkstätten und Orten der Erinnerung der Ersten und Zweiten Republik. Wien, 2004.

Gedenken und Mahnen in Wien, 1934 - 1945. Gedenkstätten zu Widerstand und Verfolgung, Exil, Befreiung. Eine Dokumentation. Hg. Vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Wien, 1998.

 


BRIGITTENAU
Einen Aufsatz von Peter Payer über Jüdisches Leben in der Brigittenau finden Sie hier: http://www.stadt-forschung.at/downloads/Juedische_Brigittenau.pdf

 


GEDENKSTÄTTE KARAJANGASSE
Seit Mai 1999 sind in den Kellerräumlichkeiten des Brigittenauer Gymnasiums auf 200m² Ausstellungsfläche zwei zeitgeschichtliche Ausstellungen zu sehen: die Ausstellung „Als Schulen zu Gefängnissen wurden“, gestaltet von Schülern und Schülerinnen des Gymnasiums (in Etappen seit 1988) sowie  "Die verlorene Insel" - gestaltet vom Aktionsradius Augarten. Die Gedenkstätte kam auf Initiative dieser beiden Institutionen zustande.

Kontakt:
Karajangasse 14, 1200 Wien?Tel. +43 (0)1 / 3303141 gedenkstaette.bg20@gmx.at, www.borg20.at/a_gedenkst/index_gedenkst.html, Mag. Renate Prazak, renate.prazak@chello.at; Brigittenauer Gymnasium, sekretariat@borg20.at

 

Der Historiker Herbert Rosenkranz (Bruder von Kurt Rosenkranz) über die „Sammelstelle“ Karajangasse:

Eine der berüchtigtsten Sammelstellen war die Karajanschule, wo SS-Leute mit Stahlruten, an deren Enden Bleikugeln hingen, jeden neuen Transport in das Gebäude hinein und über die Stiegen peitschten. Da Heydrichs Anordnung, Verhaftungen nur nach dem Fassungsvermögen der bereitstehenden Hafträume vorzunehmen, überhaupt nicht befolgt wurde, standen in Klassenzimmern, die für vierzig Schüler bestimmt waren, eng zusammengepfercht dreihundert Arrestierte. In strömendem Regen mussten sie im Schulhof, zur Belustigung der Wache, stundenlang Freiübungen machen, besonders Wippen und Kniebeugen, wobei ältere Menschen zusammenbrachen.

Herbert Rosenkranz. ‚Reichskristallnacht’. 9. November 1938 in Österreich. Wien, Frankfurt, Zürich, 1968, S. 47.

HELDENPLATZ
Peter Stachel hat den Heldenplatz als „topographischen Brennpunkt“ der Ersten und Zweiten Republik bezeichnet, und meinte zu Recht: „in all seiner historischen Außergewöhnlichkeit ist er der österreichische Gedächtnisort schlechthin – der Hauptplatz der Republik Österreich und der neueren österreichischen Geschichte“. (Stachel, S. 113). Tatsächlich ist der Ort ein mit vielen Geschichten und Emotionen aufgeladener Ort.
Als Erweiterung der Hofburg im Stil der deutschen Renaissance geplant, sollte hier ein gigantisches, die Ringstraße mit Triumphpforten überwölbendes „Kaiserforum“ entstehen. Anstelle des 1809 von napoleonischen Truppen geschliffenen alten Burgtores wurde 1821 von Pietro Nobile das neue Burgtor errichtet.
Die beiden Reiterstandbilder im Zentrum (nähere Infos zu den Reiterstandbildern siehe weiter unten) gaben den Anlass dazu, den „Äußeren Burgplatz“ im Jahr 1878 offiziell in „Heldenplatz“ umzutaufen. Der Name setzte sich allerdings nur langsam durch.

Auf Initiative der „Vereinigung zur Schaffung eines österreichischen Heldendenkmals“ wurde das Burgtor 1934 unter Ehrenschutz von Bundeskanzler Schuschnigg von Rudolf Wondracek zum österreichischen Heldendenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges umgebaut. Das rechts vor dem Burgtor befindliche „ewige Feuer“ wird am Nationalfeiertag (26. Oktober) entzündet.

Die Nationalsozialisten hatten eine Reihe von Umgestaltungsplänen. Ein „Haus des Führers“ sollte den Platz gegen die Ringstraße hin abschließen. 1940 wurde u.a. von J. Smolik der Plan eines riesigen, für den Heldenplatz bestimmten und mit einer Hitler-Büste gekrönten Denkmals „Die Heimkehr der Ostmark“ vorgelegt. Keiner der Entwürfe wurde verwirklicht. Größter architektonischer Eingriff war die Einmauerung der Reiterstandbilder zum Schutz gegen Bombensplitter.

Nach 1945 diente der Heldenplatz immer wieder als Schauplatz für Angelobungen, politische Demonstrationen und Kundgebungen, Gedenkveranstaltungen, Sportveranstaltungen, etc.

Über die Reiterstandbilder:
Das Reiterstandbild Erzherzog Carls wurde am 22. Mai 1860 enthüllt. Anlass war der 51. Jahrestag der Schlacht von Aspern, bei der Erzherzog Carl Napoelon seine erste militärische Niederlage zugefügt hatte. Mit dem Marmorsockel erreicht das Denkmal eine Höhe von mehr als 18 Metern.

Das Reiterstandbild Prinz Eugens wurde sechs Jahre später eingeweiht. Prinz Eugen – und sein Standbild – wurden immer wieder für politische Zwecke instrumentalisiert. Am 21. April 1936 wurde zum Beispiel anlässlich seines 200. Todestages ein großer Festakt vor seinem Standbild begangen. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges beschworen die nationalsozialistischen Autoritäten, besonders der am Ballhausplatz residierende Wiener Gauleiter Baldur von Schirach, die Gestalt des Prinzen Eugen. Peter Stachel: „Unmittelbar nach Kriegsende mutierte der bronzene Reiter vom Heldenplatz, darin vielen Zeitgenossen aus Fleisch und Blut vergleichbar, umstandslos wieder zum alle Parteigrenzen mühelos überschreitenden guten Österreicher.“ (Stachel, S. 96).


Mehr:
Peter Stachel über den Heldenplatz als österreichischen Gedächtnisort: http://www.oeaw.ac.at/kkt/mitarbeit/sta/heldenplatz_d.html

Quellen:
Peter Stachel. Mythos Heldenplatz. Wien, 2002.

Erich Klein: Falter city walks. Denkwürdiges Wien. Gehen & Sehen. 3 Routen zu Mahnmalen, Gedenkstätten und Orten der Erinnerung der Ersten und Zweiten Republik. Wien, 2004.

 


LEOPOLDSTÄDTER TEMPEL
Neben dem Stadttempel in der Seitenstettengasse war der Leopoldstädter Tempel der zweitgrößte Tempel Wiens. Im maurischen Stil von Ludwig Förster konzipiert, war die 1858 eingeweihte Synagoge ein Symbol für neues jüdisches Selbstbewusstsein. Seine Errichtung war durch die vermehrte Zuwanderung aus Böhmen, Mähren, Ungarn und – nach dem Zusammenbruch der Erdölförderung in den Karpaten – aus Galizien notwendig geworden. Anders als der Stadttempel, der noch hinter einer Mietsfassade versteckt werden musste, stand er als freistehendes Gebäude im Stadtbild. Nach einem Brand im Jahr 1917 wurde der Tempel langwierig restauriert und konnte erst 1921 wieder eingeweiht werden.
Die 2000 Sitzplätze umfassende Synagoge wurde in der „Kristallnacht“ zerstört, erhalten blieb nur der Nordflügel. In den neu gebauten Wohntrakt der Israelitischen Kultusgemeinde wurden 24 bzw. 28 Meter hohe mächtige Säulen nach einem Entwurf des Architekten Martin Kohlbauer einbezogen, welche die äußere Größe der einstigen Synagoge anzeigen.
An der Stelle des Leopoldstädter Tempels steht heute ein Gebäude aus den neunziger Jahren, in dem das Psychosoziale Zentrum (ESRA) der Kultusgemeinde untergebracht ist.


Quelle(n):
Erich Klein: Falter city walks. Denkwürdiges Wien. Gehen & Sehen. 3 Routen zu Mahnmalen, Gedenkstätten und Orten der Erinnerung der Ersten und Zweiten Republik. Wien, 2004.

Michaela Feurstein/Gerhard Milchram: Jüdisches Wien. Stadtspaziergänge. Wien, Köln, Weimar, 2001.

MORZINPLATZ
Am Morzinplatz stand einst das Hotel Metropole. An Stelle des abgebrannten Treumanntheaters war es nach den Plänen von Ludwig Tischler und Carl Schumann für die Weltausstellung 1873 errichtet worden.

Von 1938 bis 1945 (Standort heutiger Figl-Hof) befand sich am Morzinplatz die Gestapo-Leitstelle Wien. Die im ersten Stock an einem Balkon des dem Denkmal gegenüberliegenden Leopold-Figl-Hofes angebrachte Fries von Emil Roth weist mit der für ein Wohnhaus ungewöhnlich drastischen Darstellung von Galgen, Schafott und Häftlingen sowie den in lateinischen Buchstaben geschriebenen Jahreszahlen 1938/1945 auf den Naziterror hin.
An der Rückseite des Gebäudes, in der Salztorgasse 6, befindet sich die Gedenkstätte für die Opfer des österreichischen Freiheitskampfes. Der Eingang des 1968 errichteten Gedenkraumes befindet sich fast genau an der Stelle, wo früher der Hintereingang in das ehemalige Gestapogebäude war.
Auch das Dokumentationszentrum, das Simon Wiesenthal 1961 als Nachfolgeorganisation der Jüdischen Historischen Dokumentation in Linz gründete, ist in diesem Haus untergebracht. Hauptaufgabe ist die Suche nach Naziverbrechern bzw. nach Dokumenten und Zeugen, um deren gerichtliche Verfolgung zu ermöglichen. Simon Wiesenthal gelang es, im Laufe seiner langjährigen Tätigkeit rund 1000 Naziverbrecher auszuforschen.

Am Morzinplatz befindet sich heute auch das von Leopold Grausam jun. 1985 gestaltete Denkmal. Mit der traditionellen Formel der Vergangenheitsbewältigung „Niemals vergessen“ und der Bronzefigur eines KZ-Häftlings, der aus einem Gefängnis schwerer, sich übereinander türmender Steinblöcke hinaustritt, erinnert das Denkmal an Naziterror und Konzentrationslager. Auf eine Problematik der Gedenkkultur, das Vergessen der homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus, verwies eine im Jahr 1999 auf Initiative des „Schwulen- und Lesbenforums“ erfolgte künstlerische Intervention: Quer über die beiden surreal wirkenden Betonohren vor dem Denkmal, bei denen es sich um Kranzhalter handelt, wurde ein wachsüberzogener Bronzebalken gelegt. Dem Betrachter wurde der Zutritt symbolisch verwehrt, ebenso wie der Gefangene am Verlassen des steinernen Gefängnisses verhindert wurde.

Mehr:
Über die Diskussion eines geplanten Mahnmales für homosexuelle Opfer am Morzinplatz:

„Verwirrung um Wiener Homosexuellen Mahnmal“ (Die Presse): http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/399467/index.do

Marty Huber „Hurra, ein pinkes Pinkelbecken! Zum Denkmal für lesbischwule und transgender Opfer des Nationalsozialismus in Wien“: http://igkultur.at/igkultur/kulturrisse/1158853565/1158929387


Quelle(n):
Erich Klein: Falter city walks. Denkwürdiges Wien. Gehen & Sehen. 3 Routen zu Mahnmalen, Gedenkstätten und Orten der Erinnerung der Ersten und Zweiten Republik. Wien, 2004.

Matthias Settele: Denkmal. Wiener Stadtgeschichten. Vom Walzerkönig bis zur Spinnerin am Kreuz. Wien, 1996.

Michaela Feurstein/Gerhard Milchram: Jüdisches Wien. Stadtspaziergänge. Wien, Köln, Weimar, 2001.

Tabor-Kino (auch: Central-Kino; UFA-Tonkino)
Am 21. Jänner 1929 fand im Central-Kino in der Taborstraße die Wiener Premiere des ersten abendfüllenden Tonfilmes statt: „Der Jazzsänger“ mit einem Rahmenprogramm, u.a. mit dem berühmten Kantor Josef Rosenblatt. „The Jazz Singer“ von Alan Crosland und mit Al Jolson in der Titelrolle, hatte am 23. Oktober 1927 seine Premiere in den USA erlebt.
In Österreich gab es zu dieser Zeit 833 Kinos, davon 177 in Wien, die 67.000 Sitzplätze boten. Das Tabor-Kino hatte damals um die 1.000 Sitzplätze.
Das Tabor-Kino wurde 1996 als letztes altes Einsaalkino geschlossen.

Mehr:
http://www.kinthetop.at/forschung/kinthetop_2_TaborkinoDetail01.html

Quelle(n):
Franz Grafl: Praterbude und Filmpalast. Wiener Kino-Lesebuch. Wien, 1993.

Walter Fritz: Kino in Österreich. 1929 – 1945. Der Tonfilm. Wien, 1991.

 


(ehemaliger) Türkischer Tempel:
In der Zirkusgasse 22 befand sich der Türkische Tempel der sephardischen Gemeinde. Sepharden werden die nach der Vertreibung im Jahr 1492 aus Spanien über ganz Europa – und vor allem in das Osmanische Reich - verstreuten Juden genannt. In Wien wurde deren Ansiedlung aufgrund eines Friedensvertrags zwischen dem Osmanischen Reich und Österreich ab dem 18. Jahrhundert gestattet.
Der Architekt Hugo von Wiedenfeld wurde 1885 mit dem Bau einer Synagoge beauftragt, die schließlich 1887 eingeweiht werden konnte. In Erinnerung an die spanische Herkunft der türkischen Juden wurde ein orientalischer Baustil gewählt und die Synagoge nach Motiven der Alhambra im maurischen Stil gestaltet. Das Gebäude war zwischen Nachbarhäusern eingebaut und zeigte nach der Gasse eine vergoldete Fassade mit reichem Schmuck. Die Synagoge bot ungefähr 300 Menschen Platz und war Mittelpunkt der Wiener sephardischen Gemeinde.
Der Tempel wurde im Novemberpogrom 1938 zerstört. Ein sephardisches Zentrum befindet sich heute in der Tempelgasse 7.

Mehr:
Die Türkische Kultusgemeinde in Österreich über den Türkischen Tempel:
http://www.turkischegemeinde.at/Aktuelles/vergangene-Veranstaltungen/Tuerkischer-Tempel-in-Wien.html

Quelle(n):
Erich Klein: Falter city walks. Denkwürdiges Wien. Gehen & Sehen. 3 Routen zu Mahnmalen, Gedenkstätten und Orten der Erinnerung der Ersten und Zweiten Republik. Wien, 2004.

Michaela Feurstein/Gerhard Milchram: Jüdisches Wien. Stadtspaziergänge. Wien, Köln, Weimar, 2001.